Welche Helden braucht das Land?

Widerstand als Thema für Schüler von heute

Die Süddeutsche Zeitung stellte anlässlich einer Tagung zur Behandlung des Themas »Widerstand« im Geschichtsunterricht in einem Artikel über ›Helden‹ 1998 fest: »Werden die Handelnden zu sehr glorifiziert, erreichen die Themen Schüler von heute nicht.«

Ein Beispiel: Ausgerechnet zum Jahrestag des Stauffenberg-Attentats sagt eine Studentin: »Wir brauchen Vorbilder für den Alltag, um im täglichen Kleinkram nicht den Mut zu verlieren.« Der Soziologe Wilhelm Heitmeyer fordert: »Um die Zivilcourage unter Schüler zu fördern, müssten deshalb ›kleine Helden‹ anstelle der übermenschlichen Vorbilder treten. Erfolgreiches Handeln darzustellen, kann jungen Leuten den Rücken stärken, allerdings nur, solange sie bei den Handlungen den Eindruck bekommen: ›Das könnte ich auch, wenn es darauf ankäme.‹«

Ein Teilnehmer stellte fest: »Es reicht nicht aus, den Widerstand vor allem anhand der berühmten Beispiele wie der Weißen Rose aufzuzeigen.« Die Süddeutsche Zeitung stellt deshalb als exemplarisches Beispiel im zweiten Teil des Artikels ausführlich das Schulfilmprojekt der Oskar-von-Miller-Realschule über Brettheim vor. Exemplarisch, weil sich am Beispiel Brettheim zeige: »Der notwendige Mut zum Widerstand wird niemand in die Wiege gelegt. Widerstand entwickelt sich am Beispiel Brettheim aus dem Augenblick.«

Am Ende unserer Filmvorführungen stehe häufig die Frage, wie wir unsere Zukunft gestalten könnten. Michael Kißener greift dies auf: »Und dies ist in der Tat ein interessantes Thema für den Schulunterricht in Zeiten des europäischen Zusammenwachsens.«

Der Artikel in der Süddeutschen Zeitung von Angelika Fritsche hat unsere Arbeit über all die Jahre entscheidend geprägt. So möchte die Dokumentarfilmgruppe dieses Buch mit den »Menschen statt Helden« abschließen, denen die Filmschülerinnen und Filmschüler im fränkisch-hohenlohischen Raum um Rothenburg bei ihrer Filmarbeit begegnet sind. Die meisten Menschen konnten sie nicht mehr persönlich kennenlernen, aber in den Erinnerungen der vielen Augen- und Zeitzeugen und in einer Reihe von Dokumenten leben sie noch weiter. Vielleicht sind gerade diese Seiten ein besonders wertvolles Ergebnis der generationenübergreifenden Filmarbeit. Vielleicht kann unser Buch auch ein Ort des Gedenkens an die folgenden Helden sein:

Unsere Helden
Menschen, denen wir in Rothenburg gedenken sollten

Margarethe Kern
Margarethe Kern

Alle vier Söhne von Margarethe Kern aus Wettringen mussten in den Krieg ziehen. Ab dem Tag, als Karl Kern aus Stalingrad als vermisst gemeldet wurde, trug sie nun Schwarz. Sie fühlte seinen Tod. Sie schrieb einen Brief an die NS-Frauenschaft. Das Dokument ist zwar nicht mehr erhalten, aber die Antwort der Kreisleitung in Rothenburg vom 24. Juli 1944 lässt keinen Zweifel über den Inhalt zu: »Es wurde uns mitgeteilt, Sie wollten aus der NS-Frauenschaft austreten, weil Ihr Sohn vermisst sei.« Der Austritt wurde abgelehnt mit der Begründung: »Sie wünschen sicherlich, Ihr Sohn möge wieder zurückkommen. Das kann aber nur sein, wenn wir den Krieg gewinnen … Da wollen Sie, Frau Kern, sicher nicht abseits stehen oder sich gar außerhalb der Volksgemeinschaft stellen.«

»Außerhalb der Volksgemeinschaft«, dieser Vorwurf hat Margarethe Kern tief getroffen. Sie antwortet: »Habe als einfache Landarbeiterfrau unter viel Mühe, mit Gottes Hilfe, vier Söhne zu redlichen Menschen groß gezogen. Habe sie alle vier dem Vaterland zur Verfügung gestellt … Von einem Abseitsstehen wird wohl hier kaum die Rede sein können. … Ich denke, dass mein kleiner unscheinbarer Name nichts zu der großen Sache tut und es wäre mir deshalb lieb, wenn sie denselben aus der Liste der Frauenschaft streichen würden.« Die Antwort der NS-Frauenschaft vom 11. Dezember 1944 ist eindeutig: »Ihr Vorhaben, aus der NS-Frauenschaft auszutreten, müssen Sie bis nach dem Krieg zurückstellen. Die deutschen Männer sammeln sich zum Volkssturm und wer von uns Frauen wollte in der schwersten Zeit unseres Vaterlands feige davon laufen? Heil Hitler!«

Nicht der ausgebliebene Sieg, sondern die Niederlage am Kriegsende beendete ihre Mitgliedschaft. Ihr Sohn blieb vermisst! Aber dies hatte die mutige Frau schon vorher gefühlt.

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Betty Köser
Betty Köser

Das »Vorbild einer deutschen Mutter« hätte Betty Köser sein können, stellt das nationalsozialistische Ehrengericht in seiner Urteilsbegründung vom 26. Oktober 1937 fest, aber die gläubige Christin versagt dem Führer ihre Gefolgschaft. Mutig hatte die 20-Jährige schriftlich am 4. Mai 1938 ihren Austritt aus der Arbeitsfront erklärt, weil sie die Schmähungen des Christentums durch die Nazis, vor allem durch Reichsorganisationsleiter Dr. Ley nicht länger ertragen wollte. »Es ist für mich unmöglich, weiter in einer Front unter einem solchen Menschen zu stehen.«

Der Bankvorstand der Volksbank, bei der sie angestellt ist, geht noch weiter: Er entlässt sie, »da wir es als eine Ungeheuerlichkeit finden, in einer so schicksalsschweren Stunde dem Führer die Gefolgschaft zu versagen«. Betty Köser handelte nicht nur in christlicher Verantwortung, sondern auch mit einem erstaunlichen politischen Weitblick im vollem Bewusstsein, welche Folgen es haben kann. Wie mutig muss dieses junge Mädchen gewesen sein. Ihr früher Tod in Berlin ist ein Grund mehr, ihrer zu gedenken.

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Walli Hepp mit ihrem Sohn

Walli Hepp aus Gebsattel bewies als Mutter großen Mut. Als es auf Initiative der Partei zu einer öffentlichen Gerichtsverhandlung wegen einer Auseinandersetzung ihres Sohnes mit der Hitlerjugend kommt, bestätigte ihr der Richter, dass sie »wie eine Löwin um ihren Sohn kämpfe«. Ihr Sohn wurde freigesprochen. Die Partei erlebte eine Niederlage.

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Friedrich Schlump
Friedrich Schlump

Der Schuster Friedrich Schlump aus der Rosengasse wagte es, seinen französischen Zwangsarbeiter nach dem Feierabend auf dem Heimweg durch die Stadt zu seinem Zwangsarbeiterlager zu begleiten, und dies auch noch auf dem nur den Rothenburgern vorbehaltenen Bürgersteig. Als er von einem Parteiangehörigen darauf hingewiesen wurde, dass der Zwangsarbeiter nichts auf dem Bürgersteig zu suchen habe, sagte er zu seinem französischen Zwangsarbeiter: »Komm, dann laufen wir beide halt zusammen auf der Straße weiter!« Er ließ sich auch weiterhin von der Partei nichts vorschreiben, auch als man ihm mit Strafen drohte. Daraufhin wurde der Schuster mit dem Volkssturm in den letzten Kriegstagen an die Oder geschickt und starb dort.

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Was die Nationalsozialisten vom Wahlrecht hielten, zeigt eine Geschichte zur Abstimmung über den Anschluss Österreichs am 10. April 1938. Der Stadtkantor Hans Feige, ein überzeugter Antifaschist, hatte mit »Nein« gestimmt. Dies war offensichtlich, denn es gab zur Stimmabgabe keine Kabinen. Auf Antrag des Bürgermeisters Schmidt wurde dem Stadtkantor Feige – verantwortlich für die Kirchenmusik – der Zuschuss zu seinem Gehalt durch die Stadt verweigert und das Betreten aller öffentlicher Gebäude wie dem Musiksaal verboten. Das Landgericht Ansbach bestätigte am 15. März 1939 die Rechtsmäßigkeit dieser Gehaltskürzung mit dem Hinweis, dass der Kündigungsgrund Feiges »Nein« bei der Abstimmung sei. Viel schlimmer war aber die öffentliche Bloßstellung des angesehenen Stadtkantors: Seine Beschwerde gegen die Gehaltskürzung sei das »Erzeugnis jüdisch-freimauerischer Frechheit« … Feige sei »vor den Augen eines jeden anständigen Deutschen ein Lump, ehrloser als ein Zuchthäusler«.

Aber damit nicht genug. Am 8. Juli 1948, drei Jahre nach dem Kriegsende, erklärte die Rothenburger Spruchkammer das damalige Verhalten des verantwortlichen Bürgermeisters als »nicht belastend«. Die Folge: Der NS-Bürgermeister wurde zum Mitläufer erklärt und konnte weiterhin alle Ämter ausüben. Stadtkantor Hans Feige hingegen musste sich ein zweites Mal verurteilt finden, und dieses Mal von der Spruchkammer, die eigentlich die NS-Täter kritisch zu bewerten hatte.

(Zu Hans Feige konnten wir kein Foto finden, sind für einen Hinweis sehr dankbar.)

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Johann Leonhard Rößler
Johann Leonhard Rößler

Dem Gärtner Johann Leonhard Rößler war das nationalsozialistische Gedankengut zutiefst zuwider. Er machte daraus kein Geheimnis und zeigte dies, wie uns mehrfach berichtet wurde, auch deutlich seinen Kunden gegenüber. Seine Verletzung aus dem ersten Weltkrieg war ihm eine bittere Erfahrung. So war es nicht verwunderlich, dass die Rothenburger Kreisleitung ihn zum letzten Aufgebot an die Elbe einberufen ließ. Was dort passierte, ist bis heute nicht mehr klar festzustellen. Er erschien wenige Tage vor Kriegsende wieder in Rothenburg. Trotz der verzweifelten Versuche einiger seiner Freunde, ihn zu verstecken, machte er auch weiterhin aus seiner Meinung über den sinnlosen Krieg kein Geheimnis. Als SS-General Max Simon von seiner Rückkehr erfuhr, kannte er keine Gnade. Jede Form von Widerstand musste gebrochen werden, ob in Brettheim oder Rothenburg. Am 7. April 1945 wurde Johann Rößler an der Friedhofsmauer erschossen. Die ehemalige Hausmeisterin unserer Schule wurde zufällig Zeugin dieser Hinrichtung.

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Erich Holstein
Erich Holstein

Der Rothenburger Erich Holstein arbeitete viele Jahre in einer Elektrofirma in Stuttgart. Dort nahm er auch am gesellschaftlichen Leben teil und fand dabei auch jüdische Freunde.

Als er nach Rothenburg zurückkam, hatte er sie nicht vergessen und sandte ihnen immer wieder Pakete. Die Geschichte wäre in Vergessenheit geraten, wäre nicht im Familienbesitz der Familie Gerhard Holsteins ein jüdisches Gebetbuch, das der Vater als Dank für seine Unterstützung vom Rabbiner Dr. Wochenmark geschenkt bekam. Dieses Buch überzeugte auch den amerikanischen Gouverneur in Rothenburg, dass die Geschichte wahr ist.

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Alfred Bohn
Adolf Bohn

Beispielhaft für all die Familien, die von der ›Volksgemeinschaft‹ ausgeschlossen wurden, stellen wir das Schicksal einer sozialdemokratischen Familie vor. Mit der Machtergreifung 1933 wurde die Familie des Friseurmeisters Alfred Bohn sehr schnell zum Außenseiter in der neuen Volksgemeinschaft. Für die Nationalsozialisten war allein schon die Existenz dieser Familie unerträglich. Der bis dahin angesehene Sozialdemokrat Adolf Bohn kam von Anfang an mehrmals in »Schutzhaft« nach Dachau. Er musste über das Erlebte schweigen, als er nach ein paar Wochen zurückkam. Aber immer weniger Kunden wagten es, seinen Friseursalon gegenüber der Gendarmerie zu betreten, auch wenn das Rasieren und das Haareschneiden nur jeweils 20 Pfennige kostete. Manchmal reichten die Tageseinnahmen nicht, um einen Laib Brot – für 40 Pfennig – zu kaufen. Ausgerechnet die jüdischen Kunden hielten ihm die Treue, auch wenn sie abends heimlich durch die Hintertüre kamen.

Erika Bohn
Erika Bohn

Früh musste die Tochter Erika Bohn lernen, was sie sagen durfte und was geheim bleiben musste, ein ungeheurer Druck auf dieser Kinderseele. Immer anders sein, nie dazu gehören, das galt für ihre gesamte Kindheit und Jugend. Erika konnte es sich nicht aussuchen, welche Rolle sie in dieser Gesellschaft spielen möchte. In unserem Film über ihr Leben schildern wir ihre Schulzeit: »Und jeden Morgen erschien weinend das 10-jährige Mädchen eines Sozialdemokraten, das ›Sozi-Kind‹ an der Luitpoldschule in Rothenburg und wurde schon von weitem am Eingang vom Schuldirektor als ›Sozi-Kind‹ in Empfang genommen. Im Klassenzimmer saß sie allein auf der Strafbank. Wie verzweifelt musste sie damals gewesen sein, dass sie uns später vor der Kamera über ihren Lehrer sagte: ›Er hat mich nicht gut behandelt, er hat mich nicht schlecht behandelt, er hat mich überhaupt nicht behandelt!‹ Und sie fuhr fort: ›Wenn er mich doch wenigstens geschlagen hätte, damit ich spüren konnte, dass ich für ihn existierte!‹«

Nach Kriegsende ging sie als Hausmädchen in die Schweiz, um dort zu sehen »ob sie ein Mensch sei!«

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Georg Sigmund
Georg Sigmund

Georg Sigmund war aus dem Hohenlohischen, war einer der mutigen Zeugen Jehovas, der den Wehrdienst verweigerte und nach einem langen Leidensweg in verschiedenen Gestapogefängnissen zusammen mit seiner Frau Anna in das KZ Dachau kam. Er verstarb an den Folgen von völliger Auszehrung nur fünf Tage nach der Befreiung des KZ durch US-Truppen. Schon vorher wurden ihnen ihre drei und elf Jahre alten Buben weggenommen und an regimetreue Familien übergeben.

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Hajo Jelden
Hajo Jelden

Der Rothenburger Pfarrer Hajo Jelden wurde mit Spottliedern der Hitlerjugend öffentlich bloßgestellt, weil er seine evangelischen Jugendstunden auch dann abhielt, wenn sich die Hitlerjugend traf. Er wurde von der Partei deshalb unter Druck gesetzt.

Wenn wir heute die junge Generation ermutigen wollen, nicht wegzuschauen, wäre es für sie sehr wichtig, sie auf solche Personen aufmerksam zu machen, die es gerade in der NS-Zeit trotz aller Gefahren wagten, Haltung zu zeigen. Dazu müssen wir endlich beginnen, diese Menschen zu finden und ihrer zu gedenken, nicht nur in den Städten, sondern vor allem auch auf den Dörfern.

Wir werden dann erstaunt sein, dass Widerstand keine Frage der Bildung ist: Wir finden ihn in allen Variationen gerade auch bei den Familien der Arbeiter und Bauern.

Deshalb hier ein Aufruf an unsere Leser: Machen Sie sich auf diese Entdeckungsreise! Wir können Ihnen versichern: Sie befinden sich am Beginn einer unendlichen Geschichte. Und diese Geschichte endet nicht mit dem Tod der Augen-und Zeitzeugen; sie lebt weiter in den Enkeln und Urenkeln, wenn Sie sich auf den Weg machen.